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„Religionen fließen ineinander, anders kann man in Japan nicht leben“

Spannend, berührend und fundiert hat Sr. Anneliese Graf  an Christi Himmelfahrt im Dreifaltigkeitskloster Laupheim  über ihre beinahe 30 Jahre als Missionarin in Japan erzählt. Ihre von persönlichen Erfahrungen durchzogene Erzählweise ließ die Gäste eintauchen in eine andere Zeit und Kultur.
Als die 26 Jahre alte Missionarin in Neapel ihre 4-wöchige Überfahrt nach Tokio begann wusste sie nicht, ob sie jemals wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Die Post wurde mit dem Schiff transportiert und brauchte 6 Wochen bis sie beim Empfänger war. Dies ermöglichte aber auch eine tiefe Verwurzelung  in der  neuen Kultur. Anschaulich schilderte sie die Rituale zur Begrüßung mit Geschenken und Verbeugungen, die optimale Ausnützung des knappen Wohnraums in dem die Betten tagsüber hinter die Tür gepackt wurden und der Raum dann als Wohnzimmer diente oder vom Wind bewegte Glöckchen im Garten an die kühle Prise vom Meer erinnerten und in der heißen Sommerzeit Erfrischung brachten. Ihr Zimmer lag so dicht am Nachbarhaus, dass sie bald mit der Nachbarin im Nebenhaus reden konnte, wenn sie am Tisch saß und das Fenster geöffnet war.
 In jedem Haus gab es auch einen Hausaltar, je nach Religion, der die Familie angehörte. Die Familienauffassungen waren als Spruch in Schönschrift zu lesen. Der dort stattfindende Ahnenkult war oft  stärker als die konfessionelle Bindung.   
Nachdem sie die Sprache einigermaßen beherrschte – 1200 Zeichen sind notwendig um eine Zeitung zu lesen -  arbeitete sie in der Verwaltung der Schule und später in Krankenhäusern des Ordens. Dort waren nur ca. 2% der Mitarbeiter Christen, die vorherrschenden Religionen waren Buddhismus und Shintoismus. Jeder wurde im Krankenhaus aufgenommen, die Schwestern gingen aber auch in die Berge um die Menschen dort zu versorgen. Gerade als der Bau eines neuen Krankenhauses kurz vor dem Abschluss stand, erreichte Sr. Anneliese der Ruf zurück nach Deutschland um im neu gegründeten Kloster in Laupheim  die Verwaltung zu übernehmen. Der Abschied fiel ihr nicht leicht, war sie doch „ein halber Asiat, in mir habe ich 2 Kulturen und die vertragen sich.“
Nach ihrer Rückkehr schrieb sie bei einem Urlaub am Bodensee einen Haiku, der diese enge Verbundenheit ausdrückt :
„Mir ist der See ein treuer
der mir lächelt,
mit mir weint – Bodensee“

Text: Gerlinde Wruck
Fotos: Gerlinde Wruck

Erzählkaffee Japan